Runa
Ich wurde als Tieflingskind menschlicher Eltern geboren. Meinen Vater lernte ich jedoch nie persönlich kennen. Aus Furcht vor dem, was ich war, verschwand er und ließ meine Mutter und mich zurück. Meine Mum hingegen war eine mutige und intelligente Frau. Sie schaffte es lange Zeit, mich zu beschützen und mir trotz allem eine Kindheit zu ermöglichen.
Doch eines Tages befahl sie mir unter Tränen, in den Wald zu fliehen und niemals wieder in meine Heimatstadt zurückzukehren. Ich verstand damals nicht, warum, doch ich gehorchte ihr. Erst später erfuhr ich, was geschehen war. Meinetwegen wurde meine Mutter beschuldigt, eine Gehilfin des Teufels zu sein, und auf dem Scheiterhaufen verbrannt. Die Schuld daran verfolgt mich bis heute. Immer wieder frage ich mich: Warum konnte ich nicht normal geboren werden? Vielleicht hätten wir eine glückliche Familie sein können – vorausgesetzt, mein Vater hätte uns nicht trotzdem den Rücken gekehrt. Eine neue Familie fand ich schließlich in Luna.
Sie fand mich allein im Wald, nahm mich bei sich auf und kümmerte sich um mich. Mit der Zeit wurde sie zu meiner Meisterin, meiner besten Freundin und schließlich auch zu meiner Geliebten. Luna ist eine Druidin, die die ewige Jugend erreicht hat. Von ihr lernte ich alles, was ich heute über die Natur und die druidischen Künste weiß. In der Nähe unserer Hütte lebten außerdem Elfen, mit denen ich viele schöne Jahre meiner restlichen Kindheit verbrachte. Nach allem, was geschehen war, hatte ich endlich wieder einen Ort gefunden, den ich mein Zuhause nennen konnte. Zumindest so lange, bis ich es schaffte, Lunas Hütte bis auf den Grund niederzubrennen.
Eines Tages verließ ich das Haus und bemerkte nicht, dass ich eine Kerze brennen gelassen hatte. Als ich zurückkam, war von unserem Zuhause kaum noch etwas übrig. Luna war mir nicht lange böse. Sie hatte mir schließlich selbst beigebracht, wie wichtig Vergebung ist. Trotzdem entschied sie, dass es für mich an der Zeit war zu gehen. Sie sagte, dass ich noch viel von der Welt sehen müsse. Ich sollte an mir wachsen und lernen, mich besser zu kontrollieren und einen klaren Geist zu bewahren, damit mir solche Fehler nicht noch einmal passieren. Also schickte sie mich fort. Nicht aus Wut, sondern aus Liebe.
Nach unserer letzten gemeinsamen Nacht vergossen wir beide die ein oder andere Träne. Bevor ich ging, gab Luna mir jedoch noch etwas mit auf den Weg: eine alte Taschenuhr. Sie behauptete, die Uhr hätte einst meiner Mutter gehört, die Luna bereits aus ihrer Kindheit kannte. Doch sie war nicht nur ein Erinnerungsstück. Laut Luna kann sie mich zum Grab jenes Familienmitglieds führen, das vor langer Zeit einen Pakt mit der Unterwelt geschlossen hat. Wenn das stimmt, könnte ich vielleicht herausfinden, warum ich als Tiefling geboren wurde. Vielleicht kann ich den Pakt sogar brechen. Vielleicht kann ich dafür sorgen, dass niemals wieder ein Tieflingskind in unserer Blutlinie geboren wird. Ich würde der einzige Fehler bleiben. Und so begann mein Leben als Abenteurerin.
Bis heute konnte ich das Grab nicht finden. Doch auf meiner Suche konnte ich bereits vielen helfen und einige von bösen Mächten befreien sogar Menschen. Die Taschenuhr ist dabei mein ständiger Begleiter. Sie erinnert mich an meine Mutter, an meine Vergangenheit und an das Ziel meiner Reise. Auch wenn ich meinen Weg nun allein gehe, werde ich Luna niemals vergessen.
