Die Geschichte unsere Helden

Session 1 – Das Erwachen auf See

Eine Reise, an die sich niemand erinnern konnte

Das gleichmäßige Knarren von Holz und das dumpfe Rauschen der Wellen waren die ersten Geräusche, die Noctis wahrnahm, als er langsam die Augen öffnete.

Über ihm schwankten die Holzbalken einer Schiffskabine im Rhythmus der See. Sein Körper fühlte sich schwer an und zu seiner Verwunderung lag eine dünne Staubschicht auf seiner Kleidung, als hätte er bereits eine ganze Weile hier gelegen.

Noctis richtete sich etwas auf und ließ seinen Blick durch die Kabine schweifen.

Neben seiner eigenen befanden sich fünf weitere Hängematten im Raum. In jeder davon schlief eine Person. In der Mitte der Kabine stand ein einfacher Holztisch, auf dem eine einzelne Schriftrolle lag. Verschlossen mit einem auffälligen, platinfarbenen Siegel.

Eigentlich ein Anblick, der die Neugier eines jeden Abenteurers hätte wecken sollen.

Noctis betrachtete die Schriftrolle einen Moment.

Dann drehte er sich einfach wieder um und stellte sich schlafend.

Was auch immer hier vor sich ging – es konnte offenbar noch ein wenig warten.

Nicht lange danach erwachte Eldrin. Der Barde streckte sich ausgiebig und ließ dabei ein herzhaftes Gähnen verlauten.

Genau in diesem Augenblick wurde das Schiff von einer kräftigen Welle erfasst.

Die gesamte Kabine schwankte zur Seite.

Mit einem lauten RUMMS wurde Eldrin aus seiner Hängematte geschleudert und landete unsanft auf dem Boden.

Doch er war nicht das einzige Opfer der Welle.

Auch Wildegard wurde aus ihrer Hängematte katapultiert. Im Fallen schlug sie mit dem Kopf gegen den Tisch und landete schließlich völlig orientierungslos auf dem Boden. Als wäre das noch nicht genug, rebellierte im selben Augenblick ihr Magen.

Kurz darauf hatte sich die Sorcerer einmal vollständig übergeben.

Ein durchaus würdevoller Beginn eines großen Abenteuers.

Durch den Lärm geweckt, erhob sich schließlich auch Hakran. Sein Blick fiel beinahe sofort auf die geheimnisvolle Schriftrolle in der Mitte des Raumes.

Anders als Noctis entschied er sich, sie tatsächlich zu öffnen.

Kaum brach er das platinfarbene Siegel, erhob sich die Schriftrolle wie von Geisterhand aus seinen Händen. Sie schwebte über dem Tisch und eine fremde Stimme erfüllte die Kabine:

„Bringt mir das Relikt von Arania und bringt es mir nach Tavros. Ich werde euch dafür gut entlohnen. Grüße, Fizban der Fabelhafte.“

Dann verstummte die Stimme.

Die Schriftrolle sank wieder herab.

Für einige Augenblicke herrschte Stille.

Niemand wusste, wer dieser Fizban war.

Niemand wusste, was genau das Relikt von Arania sein sollte.

Und noch viel wichtiger:

Niemand wusste so recht, warum sie überhaupt auf diesem Schiff waren.

Land in Sicht

Hakran und Eldrin beschlossen, zunächst an Deck zu gehen.

Kaum hatten sie die Tür ihrer Kabine geöffnet, hallte bereits die Stimme eines Matrosen durch das Schiff:

„Land in Sicht!“

Als die beiden das Deck betraten, kam ihnen der Kapitän entgegen. Mit einem breiten Grinsen musterte er die beiden.

„Ah, ihr Landratten! Wir dachten schon, ihr wärt da unten verendet, nachdem wir nichts mehr von euch gehört haben.“

Nach einem kurzen Gespräch erfuhren Hakran und Eldrin, dass das Schiff in ungefähr einer Stunde sein Ziel erreichen würde:

Valtaris, die große Hafenstadt der Händlerrepublik Valtaris auf dem Kontinent Arania.

Mit dieser Information kehrten die beiden unter Deck zurück.

Inzwischen waren auch die anderen erwacht und gemeinsam versuchten sie, sich daran zu erinnern, wie sie überhaupt auf dieses Schiff gekommen waren.

Doch ihre Erinnerungen endeten alle am selben Punkt.

Eine Taverne.

Alkohol.

Sehr viel Alkohol.

Sie erinnerten sich daran, gemeinsam einen Abend verbracht und ordentlich getrunken zu haben. Danach jedoch – nichts.

Während sie noch versuchten, die Ereignisse jener Nacht zusammenzusetzen, lief ein Matrose an der offenen Kabinentür vorbei. Er blieb kurz stehen, blickte hinein und fragte vollkommen beiläufig:

„Wow. Wie habt ihr es eigentlich geschafft, sechs Wochen lang diese Kabine nicht zu verlassen und trotzdem zu überleben?“

Sechs Wochen?

Noch bevor jemand reagieren oder auch nur eine einzige Frage stellen konnte, war der Matrose bereits weitergelaufen.

Die Gruppe blieb verwirrt zurück.

Was sich für sie wie eine einzige durchzechte Nacht angefühlt hatte, schien in Wahrheit eine Lücke von sechs Wochen in ihren Erinnerungen zu verbergen.

Da sie darauf vorerst keine Antwort finden würden, stellten sie sich einander noch einmal vor, packten ihre Sachen zusammen und begaben sich schließlich an Deck.

An der Reling angekommen, genoss die Gruppe den ersten Blick auf die näher kommende Küste.

Wildegard nutzte die Gelegenheit derweil, um sich ein weiteres Mal über die Reling zu übergeben.

Willkommen in Valtaris

Langsam glitt das Schiff in den gewaltigen Hafen von Valtaris.

Schon von Weitem fiel der Gruppe eine riesige Statue am Eingang des Hafens auf. Stolz erhob sich die steinerne Gestalt über den einfahrenden Schiffen und hielt eine gewaltige, goldfarbene Münze hoch in die Luft.

Ein passendes Wahrzeichen für eine Stadt, in der beinahe alles seinen Preis hatte.

Kurz bevor die Gruppe das Schiff verließ, erzählte ihnen der Kapitän noch, wie jener geheimnisvolle Mann ausgesehen hatte, der ihre gesamte Überfahrt bezahlt hatte.

Eine weitere Spur in einem Rätsel, das mit jeder Antwort nur neue Fragen aufwarf.

Am Hafen angekommen, suchten die Abenteurer zunächst den Hafenmeister Thiril auf. Sie fragten ihn nach dem Relikt von Arania, doch auch ihm sagte dieser Name nichts.

Thiril konnte ihnen jedoch zumindest einen Rat geben.

Wenn es in Valtaris Geschichten, Gerüchte oder Informationen über ein altes Relikt gab, dann würde man sie vermutlich in einer der Tavernen finden.

Und so schickte er die Gruppe zum Glänzenden Eichhörnchen.

Eine Empfehlung, der die Abenteurer nur allzu gerne folgten.

Das Glänzende Eichhörnchen

Kaum in der Taverne angekommen, bestellte sich die Gruppe erst einmal etwas zu trinken.

Schließlich musste man Prioritäten setzen.

Zwischen den ersten Gläsern erkundigten sie sich bei der Wirtin Mirian nach dem Relikt von Arania.

Doch auch sie hatte noch nie davon gehört.

Allerdings erzählte sie ihnen von einem alten Mann, der beinahe jeden Abend in die Taverne kam. Immer wieder fragte er Reisende und Abenteurer nach Hilfe. Worum es genau ging, wusste Mirian nicht – oder zumindest erzählte sie es ihnen nicht.

Da es noch einige Stunden bis zum Abend waren, teilte sich die Gruppe auf.

Hakran und Eldrin erkundeten die Straßen von Valtaris auf der Suche nach einer Schmiede. Eine solche fanden sie zwar zunächst nicht, dafür jedoch unzählige Händler und Geschäfte, die Waffen, Rüstungen und beinahe jede andere erdenkliche Ware anboten. Eine richtige Schmiede konnte also nicht weit entfernt sein.

Runa hatte unterdessen ein deutlich ungewöhnlicheres Ziel.

Sie suchte nach einem Eiskeller.

Warum genau sie unbedingt einen Eiskeller finden wollte, blieb zunächst ihr Geheimnis. Zwar fand sie keinen, doch zumindest hörte sie Gerüchte darüber, dass es irgendwo in Valtaris tatsächlich einen geben sollte.

Die übrigen Abenteurer blieben währenddessen in der Taverne und widmeten sich weiterhin ihren Getränken.

Wildegard wartete derweil sehnsüchtig auf ihr halbes Hähnchen.

Einige Stunden später versammelte sich die Gruppe wieder vollständig im Glänzenden Eichhörnchen.

Und tatsächlich erschien am Abend der Mann, von dem Mirian gesprochen hatte.

Alt und sichtbar erschöpft ging er von Tisch zu Tisch und bat die Gäste um Hilfe.

Einer nach dem anderen lehnte ab.

Bis schließlich nur noch ein Tisch übrig blieb.

Der Tisch unserer Abenteurer.

Nach einem kurzen Gespräch ließ sich die Gruppe überzeugen, dem alten Mann zu helfen. Er berichtete von alten Ruinen, die er untersuchen wollte. Doch aus den Tiefen unterhalb der Ruinen hatte er seltsame Geräusche gehört.

Allein wollte er dort nicht weitergehen.

Also wurde eine Abmachung getroffen.

Am nächsten Morgen würden sie gemeinsam aufbrechen.

Drei Tage bis zu den Ruinen

Die Reise dauerte drei Tage.

Da der alte Mann nicht mehr der Schnellste war, wechselten sich Hakran und Yurei damit ab, ihn zu tragen. Eine ungewöhnliche Reisemethode, aber eine durchaus effektive.

Im ersten Dorf verlief ihre Rast noch weitgehend friedlich.

Beim zweiten Dorf hingegen…

nun ja.

Dort beschloss die Gruppe, dass ein fremdes Schwein eine hervorragende Ergänzung ihrer Reisegesellschaft darstellen würde.

Der Versuch, eines der Tiere von einem Bauern zu stehlen, verlief allerdings nicht ganz nach Plan. Am Ende befand sich zwar ein Schwein im Besitz der Gruppe, ein anderes überlebte den Versuch jedoch bedauerlicherweise nicht.

Mit dem ersten Licht des nächsten Morgens verschwanden die Abenteurer lieber aus dem Dorf und setzten ihren Weg zu den Ruinen fort.

Schließlich erreichten sie ihr Ziel.

Was von außen wie alte, längst vergessene Überreste einer vergangenen Zeit wirkte, führte tief hinab in eine dunkle Höhle.

Und dort wartete bereits etwas auf sie.

Die Ruinen

Kaum hatten die Abenteurer die ersten Bereiche betreten, erhoben sich Untote aus der Dunkelheit.

Zombies stellten sich ihnen entgegen.

Der erste Kampf ihres gemeinsamen Abenteuers begann.

Doch die Gruppe setzte sich durch.

Nach ihrem Sieg schien Wildegard von neuem Selbstvertrauen erfüllt zu sein. Stolz marschierte sie voraus, bereit, sich allem zu stellen, was diese Ruinen noch vor ihnen verborgen hielten.

Leider achtete sie dabei weniger auf die Decke.

Ein Wesen, das beinahe wie ein lebender Stalaktit wirkte, stürzte plötzlich aus der Dunkelheit auf sie herab.

Der Angriff traf Wildegard mit voller Wucht.

Innerhalb weniger Augenblicke wurde aus ihrem stolzen Vormarsch ein Kampf ums Überleben.

Schwer verletzt ging sie zu Boden.

Runa reagierte sofort.

Die Druidin eilte zu ihrer Gefährtin und ließ heilende Magie durch deren Körper strömen. Gerade noch rechtzeitig gelang es ihr, Wildegard zu stabilisieren und vor dem Tod zu bewahren.

Für Wildegard war damit allerdings eine Sache entschieden:

Sie hatte genug von dieser Höhle.

Während die anderen tiefer in die Ruinen vordrangen, zog sie sich nach draußen zurück.

Die verbliebenen Abenteurer kämpften sich weiter durch die Dunkelheit. Weitere Kreaturen stürzten von der Decke, Untote versperrten ihnen den Weg und mit jedem Schritt führte sie der Pfad tiefer unter die Erde.

Bis sie schließlich auf etwas trafen, mit dem sie nicht gerechnet hatten.

Einen Grul-Grabräuber.

Die Kreatur hätte für die Gruppe zu einer ernsten Gefahr werden können.

Doch Hakran reagierte schnell.

Mit göttlicher Magie belegte der Cleric den Grabräuber mit Hold Person und hinderte ihn daran, sich frei zu bewegen.

Damit war der Kampf beinahe entschieden.

Die Gruppe nutzte ihre Chance und schlug gemeinsam auf ihren bewegungsunfähigen Gegner ein, bis dieser schließlich zu Boden ging.

Dann kehrte Stille in die Höhle ein.

Und hinter ihrem besiegten Feind fanden sie endlich etwas, das ihre gesamte Reise verändern sollte.

Der erste Splitter

Vor ihnen lag ein Teil des Relikts von Arania.

Nicht das vollständige Relikt.

Nur ein Fragment.

Yurei nahm den geheimnisvollen Gegenstand an sich.

Als er sich damit nach Westen drehte, geschah etwas Merkwürdiges.

Für einen kurzen Augenblick begann das Fragment zu leuchten.

Das Licht verschwand beinahe genauso schnell, wie es gekommen war.

Als Hakran anschließend das Relikt berührte, traf ihn eine Vision.

Für einen Moment verschwand die Höhle um ihn herum.

Eine göttliche Erkenntnis erfüllte seinen Geist.

Fünf Teile.

Das Relikt von Arania bestand aus insgesamt fünf Fragmenten.

Und diese Fragmente waren nicht vollkommen voneinander getrennt.

Sie konnten einander spüren.

Sie suchten einander.

Als Hakran wieder zu sich kam, wusste die Gruppe zumindest eines:

Sie hatten das erste von fünf Teilen gefunden.

Und irgendwo dort draußen warteten vier weitere.

Ein ungewöhnlicher Ritt in den Sonnenuntergang

Mit dem Fragment in ihrem Besitz machte sich die Gruppe auf den Rückweg.

Sie durchquerten erneut die Höhlen, passierten die alten Ruinen und sahen schließlich wieder das Licht des Tages.

Draußen wartete Wildegard.

Und in der Zeit, in der ihre Gefährten in den Tiefen der Ruinen um ihr Leben gekämpft hatten, war auch sie nicht untätig gewesen.

Sie hatte eine ausgesprochen enge – vielleicht sogar etwas zu romantische – Beziehung zu dem gestohlenen Schwein aufgebaut.

Als die Gruppe die Ruinen verließ, schwang sich Wildegard auf den Rücken ihres neuen tierischen Gefährten.

Doch damit nicht genug.

Eldrin wurde kurzerhand an einem Lasso hinter dem Schwein hergezogen.

Und so ritten Wildegard, ihr Schwein und ein hinterhergeschleifter Barde gemeinsam dem Sonnenuntergang entgegen.

Der Rest der Gruppe machte sich auf etwas konventionellere Weise auf den Rückweg nach Valtaris.

In ihrem Besitz befand sich nun der erste Teil eines Relikts, von dem kaum jemand in Arania je gehört hatte.

Vier weitere Teile warteten irgendwo auf sie.

Noch wussten die Abenteurer nicht, wohin ihre Reise sie führen würde.

Sie wussten nicht, warum sechs Wochen ihrer Erinnerungen fehlten.

Sie wussten nicht, wer ihre Überfahrt bezahlt hatte.

Und sie wussten nicht, warum Fizban der Fabelhafte dieses Relikt unbedingt haben wollte.

Doch eines war sicher:

Ihr Abenteuer hatte gerade erst begonnen.

Session 2